Hallesche: „Kopiert zu werden, ist die höchste Anerkennung“

Artikel vom Versicherungsjournal, Bereich Unternehmen & Personen vom 14.12.2020

Die Coronakrise stellte die privaten Krankenversicherer vor diverse Herausforderungen. Trotzdem sieht Wiltrud Pekarek, Vorständin der Halleschen, auch positive Entwicklungen wie etwa eine höhere Wertschätzung der Kunden. Im Interview zieht sie ein erstes Fazit dieses Geschäftsjahres im Ausnahmezustand.

Die Diplom-Mathematikerin Wiltrud Pekarek (59) startete ihre berufliche Laufbahn 1984 in der mathematischen Abteilung der Halleschen Krankenversicherung a.G. In den Vorstand des Alte Leipziger – Hallesche Konzerns stieg die Managerin 2004 auf. Sie verantwortet im Führungsgremium die Krankenversicherung und hier die Bereiche Produkte, Mathematik, Vertrag und Leistung.

VersicherungsJournal: Frau Pekarek, was waren im Corona-Jahr 2020 die größten Herausforderungen für einen Krankenversicherer?

Wiltrud Pekarek (Bild: Hallesche)

Wiltrud Pekarek: Am ersten Tag des Lockdowns im Frühjahr stellte es für uns die größte Herausforderung dar, die Sicherheit und Gesundheit unserer Mitarbeiter zu gewährleisten, den Geschäftsbetrieb aufrechtzuerhalten und gleichzeitig unsere Kunden optimal zu betreuen. Auch die Leistungsregulierung sollte schnell und flexibel weiterlaufen.

Zusätzlich haben wir innerhalb von zwei bis drei Wochen bis zu 80 Prozent unserer Mitarbeiter ins Homeoffice geschickt. In der Zeit vor Corona arbeiteten zirka 20 Prozent unserer Belegschaft zuhause.

Das Ziel war, die Krise zu managen, den Digitalisierungsschub zu nutzen und bereits in die Zukunft zu denken. Aus dem Frühjahr haben wir als Krankenversicherer mitgenommen, dass das Bewusstsein für Gesundheit in der Bevölkerung eine neue Wertigkeit erhalten hat.

VersicherungsJournal: Woraus schließen Sie diese Beobachtung?

Pekarek: Das sehen wir zum Beispiel an vermehrten Anrufen mit Fragen zu Corona und dem Schutz der eigenen Gesundheit, aber auch an einer verbesserten Zahlungsmoral unserer Versicherten in der Coronakrise. Die Kunden sind jetzt für das Sicherheitsnetz, das Krankenversicherer bieten, dankbarer, wie auch Zuschriften und Mails belegen, die uns erreichen.

Wir sind mit der Entwicklung im Neugeschäft 2020 sehr zufrieden.

VersicherungsJournal: Ein kurzer Blick zurück: 2019 war die Entwicklung der Halleschen erfreulich. Die Beiträge stiegen 2019 um 4,5 Prozent auf rund 1,3 Milliarden Euro (Branchenschnitt: 2,9 Prozent). Das Neugeschäft erhöhte sich um 28,5 Prozent auf 3,2 Millionen Euro (20.3.2020). Allerdings hat die Hallesche gut 3.000 Vollversicherte laut Map-Report im Vorjahr verloren (14.9.2020). Wie hat sich die Krankenvollversicherung für die Hallesche in diesem Jahr entwickelt?

Pekarek: Wir sind mit der Entwicklung im Neugeschäft 2020 sehr zufrieden und konnten in der Vollversicherung als auch in der betrieblichen Kranken-Zusatzversicherung (bKV) das Niveau aus dem Vorjahr halten oder steigern.

Die Beiträge werden nach vorläufigen Auswertungen um über drei Prozent steigen. Und wir werden 2020, trotz Corona, voraussichtlich weniger Vollversicherte als im Vorjahr verlieren.

VersicherungsJournal: In der Krankenzusatz-Versicherung konnte die Hallesche 2019 um über 42.000 Ergänzungsversicherte zulegen (12.10.2020) und erzielte damit prozentual die höchsten Zuwächse. Können Sie sich 2020 über ähnlich hohe Zahlen freuen?

Pekarek: Treiber in der Krankenzusatz-Versicherung war bei uns wie bereits 2019 die betriebliche Krankenversicherung (bKV). Mit der Entwicklung in diesem Segment bin ich insgesamt sehr zufrieden. In der normalen Zusatzversicherung lag die Priorität der Kunden im laufenden Jahr weniger auf Zahnzusatzpolicen als vielmehr auf der Absicherung stationärer Behandlungen.

VersicherungsJournal: Die Debeka kündigte kürzlich Beitragserhöhungen von 17,6 Prozent an (27.10.2020), die Barmenia von rund elf Prozent (6.11.2020). Wie sieht es mit konkreten Beitragsanpassungen für 2021 bei der Halleschen aus?

Pekarek: Wir werden im Januar 2021 Beitragsanpassungen von durchschnittlich 5,5 Prozent vornehmen, was natürlich dem starken Kostenanstieg im Gesundheitswesen, geschuldet ist. Weitere Gründe sind eine leichte Senkung des Rechnungszinses und die neue PKV-Sterbetafel. Im Fünf-Jahres-Durchschnitt liegen die Anpassungen bei der Halleschen bei 3,1 Prozent.

Die Makler wissen, was wir leisten.

VersicherungsJournal: Laut Asscompact-Trends ist die Hallesche eindeutiger Favorit von Maklern und Mehrfachvertretern, wenn es um die Vermittlung von Krankenvoll-Versicherungen geht (2.11.2020, 16.4.2020). Bei den Bewertungen aus Sicht der Kunden (19.10.2020) liegen Sie im Mittelfeld oder kommen im Ranking nicht vor. Wie erklären Sie sich die unterschiedliche Wahrnehmung von Vertrieb und Verbrauchern?

Pekarek: Die Bewertung der unabhängigen Vermittler zeigt, dass wir mit Produktqualität, Betreuung und der Serviceleistung gegenüber den Versicherten überzeugen. Die Makler wissen, was wir leisten, sie kennen ihre Kunden und wenn sie zufrieden sind, bewertet der Vertrieb diese Leistungen des Anbieters positiv.

Während vor Jahren noch der geschäftspolitische Fokus schwerpunktmäßig darauf lag, die Beiträge möglichst stabil zu halten, rücken immer mehr auch die Kundenbedürfnisse in den Blick.

Heute arbeiten wir intensiv an einer Positionierung als Begleiter und Partner in Gesundheitsfragen. Wir wollen nicht mehr als reiner Leistungserstatter auftreten. Aber das ist ein Prozess: Diese proaktive Rolle nehmen die Kunden nur Schritt für Schritt wahr.

VersicherungsJournal: Wie gestaltet die Hallesche diese proaktive Rolle als Partner in Gesundheitsfragen?

Pekarek: Gerne möchte ich Ihnen an einem Beispiel aufzeigen, wie wir unsere Versicherten im Ernstfall besser betreuen wollen. Wir haben die „Patientenreise Schlaganfall“ entwickelt und dabei interne Parameter für die individuelle Betreuung der Betroffenen festgelegt. Schlaganfall ist immerhin die Erkrankung, die weltweit eine der häufigsten Ursachen für lebenslange gesundheitliche Einschränkungen ist.

So haben wir anhand dieses Krankheitsverlaufs intern definiert, wann wir mit dem Versicherten oder den Angehörigen in Kontakt treten, welche Fragen er und seine Angehörigen haben, welche Bedürfnisse der Erkrankte formuliert und welche Unterstützungen wir jeweils bieten können.

Mit dieser „Patientenreise“ können wir Mehrwerte für die Versicherten und ihre Familien entwickeln. Das erhöht einerseits die Kundenbindung und steigert die Bereitschaft zur Weiterempfehlung.

VersicherungsJournal: Eine wichtige Säule in Ihrem Geschäftsbereich ist die bKV, mit den Budget-Tarifen „Feelfree“ (29.10.2018). Nach Auswertungen des PKV-Verbands hatten Ende 2019 rund 10.500 Unternehmen eine bKV abgeschlossen (30.9.2020).

Die Allianz dürfte gut 3.300 Verträge im Bestand haben (12.10.2020), die SDK laut Geschäftsbericht 2019 über 3.000 (15.11.2019). Ebenfalls über 3.000 Firmenkunden müssten ihre bKV bei der Halleschen abgeschlossen haben. Liege ich da richtig?

Pekarek: Wir befinden uns in guter Gesellschaft mit der Allianz, denn auch wir veröffentlichen diese Zahlen nicht.

VersicherungsJournal: Auf der digitalen DKM 2020 kündigte die Hallesche Ergänzungen für ihre Budget-Tarife an (27.10.2020), unter anderem einen Angebots-Konfigurator für den Vertrieb. Die bKV spielt in der Absatzhitparade des unabhängigen Vertriebs aber nur im Mittelfeld mit. Warum ist das so und wie wollen Sie Makler und Vertreter überzeugen hier mehr Gas zu geben?

Pekarek: Wir dürfen nicht nachlassen, den Wertbeitrag einer betrieblichen Krankenversicherung für Vermittler und Arbeitgeber herauszustellen. Im Vertrieb der bKV positionieren sich vor allem Vermittler, die über Gewerbeversicherungen und die betriebliche Altersvorsorge (bAV) einen guten Zugang zu den Firmenkunden haben.

Der Angebots-Konfigurator soll auch Vermittlern, die sich im Firmenkundengeschäft noch nicht so stark engagieren, Offerten ermöglichen. Als Produktgeber ist es wichtig, den Vertrieb in diesem Segment zu befähigen und zu begleiten. Aber auch mit guten Produkten, die Arbeitgeber zu überzeugen.

Die Konkurrenz brauchte zwei Jahre für ihre entsprechenden Angebote und ehrlich gesagt, da hätte ich auch etwas mehr Kreativität erwartet.

VersicherungsJournal: Die Budget-Tarife der Halleschen werden auch von Wettbewerbern kopiert. Sehen Sie da ein Problem?

Pekarek: Kopiert zu werden, ist die höchste Anerkennung für das Original. Die Konkurrenz brauchte zwei Jahre für ihre entsprechenden Angebote und ehrlich gesagt, da hätte ich auch etwas mehr Kreativität erwartet.

VersicherungsJournal: Die bAV und die bKV wachsen auf der Prozessseite und im Vertrieb stärker zusammen, wie ihr Kollege Dr. Jürgen Bierbaum auf der DKM betonte (4.11.2020). Was bedeutet das konkret für die Vermittler?

Pekarek: In der bAV und der bKV erwarten die Firmenkunden Plattformen, die Arbeitgebern die Verwaltung deutlich erleichtern. In der bAV stellen wir bereits ein Portal bereit, 2021 wird die bKV folgen. Die Perspektive ist, für Unternehmen digitale Ökosysteme zu schaffen. Das ist ein wichtiges Verkaufsargument und somit eine entscheidende Unterstützung für den Vertrieb.

Gesellschaftlich müssen wir raus aus dem Krisenmodus und wieder eine gewisse Normalität erleben.

VersicherungsJournal: Kommen wir zu den Aussichten 2021. Was definieren Sie als wichtigste Ziele für Ihr Unternehmen im kommenden Geschäftsjahr?

Pekarek: In der bKV wollen wir 2021 unser Wachstum fortschreiben. Mit neuen Produkten werden wir hier Impulse setzen. Die Krankenvollversicherung werden wir beleben: Dazu gehören neue Angebote, mit denen wir neue Zielgruppen ansprechen und erschließen können.

Gesellschaftlich müssen wir raus aus dem Krisenmodus und wieder eine gewisse Normalität erleben. Gesundheit bleibt ein bedeutender sozialpolitischer Auftrag. Davon bin ich fest überzeugt.

Interview geführt von Cornelia Hefer
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